Bericht Ultratrail Verbier (X-Alpine – 111km)

DNF und doch glücklich!

Ein persönlicher Bericht von Ursula Herger

Jetzt sitze ich also hier in der Küche am Tisch und versuche meine Gedanken zu ordnen: Zwei Tage ist es her, seit ich den Trail Verbier nicht fertig lief. Trotzdem hatte ich einen Höhenflug danach, keine Spur von Frust, schliesslich bin ich 100km gelaufen mit 7200 Höhenmetern.

 

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Aber von Vorne: Nachdem ich die Startnummer in Le Chable abholte, plauderte ich beim Warten auf’s Postauto nach Verbier mit einem ambitionierten, 58-jährigen Engländer und einem jungen Amerikaner und spürte ihre leichte Anspannung und Vorfreude auf das kommende Ereignis. Mit Reden konnte man sich ein bisschen ablenken. Ich sah dem Lauf gelassen entgegen, wusste ich doch aus den vergangenen Jahren, was auf mich zukam und das Wetter versprach optimal für mich zu werden. In Verbier angekommen, suchte ich mir in der Zivilschutzanlage meine Pritsche, machte alle meine Sachen für den Lauf bereit, ass meine Pasta, trank das obligate Bier um ein wenig schläfrig zu werden und legte mich dann hin, um zu dösen und ganz wenig zu schlafen. Der stickige Raum füllte sich immer mehr mit Läufern, die Luft wurde immer dicker, so dass ich sehr froh war, als ich um 22.45h mein Dösen endlich beenden konnte. Mit Carlos, einem Chilenen, der in Genf wohnt und den ich vom letzten Jahr noch kannte, frühstückte ich und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Start um ein Uhr – dem Start der langsameren Läufer. Die schnelleren liefen um vier Uhr los. Da war manch bekanntes Gesicht vor Ort, man begrüsste sich und wechselte ein paar Worte. Zum ersten Mal sprach ich mit Yvette, der anderen Teilnehmerin in meiner Kategorie V3F (60-99). Endlich habe ich sie kennengelernt. Ich bewundere sie, denn sie wird nächstens 70 Jahre alt! Letztes Jahr musste sie aufgeben, sie hatte sich wohl etwas überschätzt und ist mit den schnellen Läufern um vier Uhr gestartet mit der Folge, dass sie ständig den Cut-off Zeiten davonrennen musste. So bin ich dann alleine auf dem Podest gestanden.

Punkt ein Uhr ging der Schuss los und das Abenteuer konnte beginnen.

Wenn nur der schwere Rucksack nicht wäre, dabei habe ich doch versucht, nur das Minimum einzupacken! Schon bald aber habe ich mich daran gewöhnt. Herzlich wurde Frau bei der ersten Verpflegung begrüsst und alle füllten ihre Bidons auf, denn jetzt folgte der erste, wirklich sehr lange Aufstieg zum Catogne. 1880 Meter rauf zuerst auf einem sehr steilen Waldweg bis Alpe Catogne (Getränkestelle), dann auf teils sehr steinigen Wegen weiter bis zum Gipfel. Ein kühler Wind wehte uns um die Ohren und es wurde langsam hell mit einem orangen Streifen im Osten am Horizont und einer fantastischen Bergsilhouette. Bald begrüsste uns die Sonne, eine schöne Belohnung für den langen Anstieg. Und dann ging es runter und wie! Fast überhängend! Bei einer heiklen Stelle gab es Hilfe wegen Absturzgefahr, die Beine waren bei den meisten noch im Aufstiegsmodus. Runter, runter, runter ging es bis nach Champex auf einem Weg, der teilweise mit Ketten gesichert ist, zur lang ersehnten Verpflegung. Frisches Brot und Schoggi, das mag ich. Und wieder die Flaschen auffüllen, denn trinken ist heute ein Muss! Noch waren wir am Schatten, aber es wird warm werden heute. Zuerst ging’s fast flach entlang einer Bisse, bevor es wieder anstieg auf einem schmalen Weg mit sehr hohen Tritten aus Steinen und Wurzeln. Die Stöcke halfen beim Überwinden der Höhenmeter. Nach einer kurzen, flachen Passage folge ein Stück reines Blocklaufen, welches fast in einer Kletterpartie endete, bevor wir den Grat überschritten. Wieder waren die Hände eine grosse Hilfe beim Runtersteigen zum Höhenweg, der schliesslich auf eine Moräne führte und bei der Ornyhütte nach einigen Schneepassagen endete. Der Durst war gross und das Cola ein Segen, bevor es wieder runterging. 1700 Höhenmeter mussten vernichtet werden. Das konnte schon mal in die Beine gehen und bedeutete einmal mehr höchste Konzentration. Es wurde warm, sehr warm und die zusätzliche Wasserstelle am tiefsten Punkt war ein Segen, ein halber Liter davon verschwand in wenigen Schlücken in meinem Magen! Bis nach La Fouly konnte man nun laufen, endlich einmal – wenn man genug getrunken hatte und die Muskeln vom Runterlaufen noch nicht ruiniert waren. Ausser an wenigen steilen Passagen gelang mir das ganz gut, zusammen mit zwei jungen Schweden. Wir wechselten uns in der Führung ab und liefen gemeinsam in La Fouly ein.

Neunundvierzig Kilometer waren geschafft, fast die Hälfte!

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Suppe trinken, Cola runterkippen, Sirup tanken und Wasser, da was naschen und dort was – nicht zuviel – und nicht zuviel Verschiedenes… Es war sehr heiss im Zelt! Bald war ich wieder auf der Piste, schnelles Marschieren mit den Stöcken war nun angesagt, es ging nämlich wieder aufwärts, 1100 Höhenmeter bis zum Col de Fênetre. Bald hörte ich ein schnelles TacTac – Denise (Zimmermann) war im Anmarsch. Wir wechselten ein paar Worte und weg war sie. Als zweite Frau um vier Uhr gestartet war sie gut im Rennen! Auch die beiden Schweden, welche länger bei der Verpflegung verweilten, sah ich bald wieder von hinten. Aber nicht lange – einmal sie vorne, einmal ich – es waren zwei sympathische Burschen. Vor dem Col war Laufen im Schnee eine gute Abkühlung für die Füsse und das Durchwaten von vielen Flüssen war richtig erfrischend auf dem Weg runter zum Grossen Sankt Bernhard. Glücklicherweise trockneten meine Schuhe sehr schnell. Nach dem kurzen, gemeinen Gegenanstieg zur Passhöhe nach dem Fotoshooting, konnte man sich wieder den Magen mit allerlei Dingen füllen. Nach einer herzlichen Begrüssung (sie kennen mich mittlerweile bei meiner vierten Teilnahme!), bevorzugte ich einen starken Kaffee mit viel Zucker und würgte ein fürchterlich süsses Gesöff runter, bevor es weiter ging. Meine Beine waren jetzt nicht mehr ganz so frisch und mein Atmen nicht mehr so leicht. Ein kurzer Anstieg zum Col des Cheveaux war zu bewältigen: Jeden Schritt geniessen, tief in den Bauch atmen, müde Gedanken abschalten, ganz ruhig, immer weiter, weiter, und als ich bald auf dem Pass ankam, stand die Sonne nicht mehr so hoch. Tief durchatmen und ganz locker runterlaufen, teilweise von Stein zu Stein springen. Konzentration war wieder gefragt. Eine lange Abwärtspassage wurde durch eine knietiefe Flussdurquerung mit Seilsicherung aufgelockert, ich liebe das! Als ich endlich nach einigen Kilometern in Bourg St-Pierre ankam, waren meine Füsse wieder trocken, genau wie meine Kehle. Der süsse Cocktail hat mir jedoch die Säfte entzogen, da nützte kein Schluck Wasser wirklich.

Viele bekannte Gesichter waren an dieser grössten Verpflegung versammelt. Man ist sich auf der Strecke immer wieder begegnet. Kurz nach mir sind auch die beiden Schweden wieder eingetrudelt und meinten, sie seien so kaputt, sie würden jetzt das Handtuch werfen. Ich muss zugeben, auch ich war müde, aber übers Aufgeben verbot ich mir nachzudenken. Ich versuchte sie aufzumuntern und meinte das Wetter sei doch gut, verletzt seien sie auch nicht und Müdigkeit sei kein Grund, um nicht weiterzulaufen. Genau um diese Grenze zu überschreiten seien sie doch gestartet: Sie machten weiter!

Hier gabs Spaghetti aber ich hatte überhaupt keinen Appetit, würgte dennoch einen kleinen Teller davon runter, denn ohne Kalorien geht einfach irgendwann nichts mehr. Dagegen tat mir der Kaffee gut. Aus dem Kleiderdepot entnahm ich ein frisches Leibchen und fühlte mich damit wie neu geboren!

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Mit Sandro im Schlepptau (ich kannte ihn vom letzten Jahr, da kam er nicht ins Ziel), marschierten wir weiter. Er war noch weniger frisch als ich. Langsam brach die Nacht herein und es wurde kühler. Endlich erreichten wir eine gewisse Höhe, von wo ein Höhenweg sich endlos hinzog zur Cabane de Mille. Inzwischen hat sich der Zustand meines Magens verschlechtert, etwas das ich überhaupt nicht kenne. Ich trank einen heissen Tee in der Hütte. Zusammen zogen wir weiter und plötzlich bekam ich einen Brechreiz, konnte mich aber leider nicht übergeben. Einige weitere solche Attacken folgten und Sandro kümmerte sich rührend um mich. Mir aber war das sehr unangenehm und ich konnte ihn überzeugen, alleine weiterzulaufen. Ich würde diesen 10km langen Abstieg bis Lourtier schon noch schaffen. Bald lief auch ich weiter, die Übelkeitsattacken kamen nun aber in Wellen und manchmal hatte ich das Gefühl, fast in Ohnmacht zu fallen. Ich schaffte es und fragte mich, was das wohl sei, es erinnerte mich an die Darmbakterieninfektion, die ich letztes Jahr hatte.

Mir war bald klar – in diesem Zustand wollte ich den Lauf nicht beenden, denn es folgte noch ein letzter, aber sehr happiger Anstieg! Der Gedanke, ohnmächtig zu werden und die Kontrolle über mich zu verlieren und das in der Nacht, war mir unerträglich. Also entschied ich, bei Kilometer 100 auszusteigen! Schon vorher hatte ich mir ausgemalt, dass wenn ich es nicht schaffen würde das Ziel zu erreichen, die neun Jahre ältere Yvette endlich ihre Chance hatte, zuoberst auf dem Kategorien-Podest zu stehen. Das war ein schöner Gedanke, denn als fast 70jährige Frau einen solch harten Parcours durchzustehen, ist eine absolut grandiose, bewundernswerte Leistung! Und tatsächlich – Yvette hat es geschafft!

Ich bin glücklich, die 100km und 7200 Höhenmeter bewältigt zu haben, genoss die vielen Begegnungen mit anderen Läufern, die Blicke, Gesten und Gespräche. Ebenso bleibt mir die wunderbare Landschaft mit den vielen schönen Stimmungen und Blumen unvergesslich. Ich durfte einen weitern grandiosen Höhenflug erleben und bin dafür sehr dankbar.

© Ursula Herger, Juli 2016

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